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OP-Bericht von Marie
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Frankfurter Himmel und Hölle

Erfahrungsbericht zur geschlechtsangleichenden (Mann zu Frau) Operation im Frankfurter Sankt Markus-Krankenhaus

Erstmal vorweg. Ich bin äußerst glücklich und froh, daß es für Transsexuelle die Möglichkeit besteht (wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind und man nicht allzu viel Pech hat, an die falschen Leute zu geraten), sich hormonbehandeln und auch operieren zu lassen und dies über die Krankenkasse abrechnen zu können. Ich denke, dies ist ein ganz besondres Gut, daß man wirklich nicht unterschätzen sollte. Insbesondere finde ich es großartig, daß es Ärzte wie Professor Dr. Sohn gibt, die sich auf solche Operationen spezialisiert haben und diese wirklich ganz toll gelungen hinbekommen. Besonders dankbar bin ich den lieben Pflegern, Schwestern und Ärzten, die mir über die OP hinweg geholfen haben.

Diesen Bericht möchte ich einer ganz jungen, liebenswerten und hilfsbereiten Krankenschwester Alice widmen. Ich weiß nicht, was ohne sie aus mir geworden wäre.

Warum ich nach Frankfurt zur OP gegangen bin?

Insgesamt gibt es ca. fünf deutsche Kliniken, die diese OP sehr häufig machen und dazu gehört auch das Frankfurter Markus-Krankenhaus mit ca. 30 Operationen im Jahr. Dazu wurde ich ausgerechnet in diesem Krankenhaus geboren und dachte, dies kann wirklich kein Zufall sein.

Dennoch bin ich zuerst zu Frau Dr. Krege, damals noch in Essen, gefahren. Die Atmosphäre dort in der Ambulanz und die wenige Zeit, die sich Frau Krege für mich genommen hat und der Umstand, daß ich vor versammelter Ärzteschaft (zwei, drei Personen) meine Hose runterziehen mußte, um meine Penisgröße in Betracht zu nehmen, haben mich schon ziemlich abgeschreckt. Und dann hatte ich das Erstgespräch bei Professor Dr. Sohn, den ich als äußerst sympathisch und angenehm erlebt habe und der sich eine halbe Stunde Zeit genommen hat, um mir ausführlich die Operation zu erklären und meine Fragen zu beantworten.

So war die Entscheidung schnell getroffen und ich bekam - wie gewünscht - Anfang Dezember, drei Tage vor meinem "ursprünglichen" Geburtstag einen Operationstermin.

Vor der OP 1: Das Personal

Am Morgen vor der OP kam ich in Frankfurt mit dem Zug an und ging zur Aufnahme. Ein bißchen kannte ich diese Prozedur schon von andren Kliniken, doch war ich über die Frankfurter Art etwas überrascht. Erstmal mußte ich mein Gepäck überall mit mir rumschleppen, bis die mich aufnehmende Ärztin mit den netten Hinweis gab, daß ich das Gepäck auch bei der Aufnahme in dortige Schließflächer einschließen kann. Die Damen da waren zwar sehr freundlich, aber über den Tipp wäre ich noch glücklicher gewesen.

Die Ärztin konnte mir meine Fragen zur OP nicht beantworten, da sie selbst nur wenig damit zu tun hat. Auf meine  Frage, ob ich denn den Professor noch vor der OP sehen werde, konnte sie mir auch keine Antwort geben. Der erste Schock! Allerdings wolle sie meine Fragen weiterleiten. Die Antworten mußte ich mir aber erst zwei Tage nach der OP sozusagen erbetteln.

Dann kam ich zu einer völlig desinteressierten Anästhesistin, die von Zeit zu Zeit an ihrem "leckeren" Kaffee schlürfte. "Geschlechtsangleichende Operation" hielt sie für ein Unwort. Und meine Erklärungen, warum man nicht mehr von "Geschlechtsumwandlung" spricht für wohl ziemlich doof.

Auf meine Frage, ob ich denn wirklich alle Operationen, die ich schon hatte, anführen müsse (das sind immerhin schon ein paar), meinte sie nur so freundlich, das stehe doch im  Fragebogen!

Als sie mir dann erklärte, ich könne bis 24 Uhr noch was essen und bis fünf Uhr morgens trinken, merkte ich, daß sie wohl gar keine Ahnung von meiner anstehenden OP hatte. Denn ich wußte, daß ich heute noch abführen muß, damit der Darm vor der OP ganz entleert ist. Um sie vollends zu verärgern, erklärte ich ihr, daß ich dann wohl von "ärztlicher" Seite noch was andres gesagt bekommen werde. Worauf sie nur noch zischte, daß sie auch Ärztin sei. Naja, das war schon ein guter Einstieg. Es sollte noch besser kommen.

Vor der OP 2: Das Zimmer

Auf mich wartete ein winziges, völlig veraltetes Zweibettzimmer, zwar mit einem großen Balkon, aber das war auch schon alles großzügiges. Es gab ein kleines Bad mit Waschbecken und Toilette, allerdings ohne Dusche! Man müsse schräg gegenüber das Stationsbad mitbenutzen. Naja, die ersten fünf oder sechs Tage darf ich ja eh nicht aufstehen, aber danach würde dieses Manko mich sicher stören. Ob denn die andren Zimmer eine Dusche haben, wollte ich von der Schwester wissen. Ja, sagte diese. Ob es denn dann möglich wäre nach den fünf, sechs Tagen umzuziehen? Ungern, meinte die Schwester, außerdem seien die andren Zimmer mit vier oder fünf Betten. Oh je, dachte ich, gibt es sowas denn noch, und verzichtete auf einen Umzug freiwillig.

Das ganze Zimmer sah so aus, als ob seit den fünfzigern Jahren da niemand mehr was gemacht hätte. Immerhin einigermaßen sauber war es. Es fehlte allerdings eine Gardine vor den großen Fenstern. Es gab nur einen dunkelblauen Vorhang. Wenn man den zuzog, war es gleich stockfinster im Zimmer. Direkt gegenüber war ein Krankenhausgebäude und weiterer Ferne gab es einige Wolkenkratzer. Das Zimmer war das "Transenzimmer". Hier werden meistens die transsexuellen Patientinnen zur OP untergebracht Es hatte irritierenderweise die Nummer 666. Das ist in der Johannes Offenbarung das Zeichen des Teufels. In einem diakonischen Krankenhaus dann doch etwas befremdend.

Zu essen bekam ich nichts mehr und nur noch zwei Liter, eklige, nach Vanille schmeckende Abführflüssigkeit. Noch beim Schreiben verdreht sich mein Magen. Zwei Stunden hatte ich zum Trinken und schaffte einen Liter und ein Glas. Dann war mir so übel und mein Migräneanfall (seitdem ich die Hormone wegen der Thrombosegefahr abgesetzt hatte, bekam ich fast jeden Tag Kopfschmerzen) wurde so schlimm, daß ich gar nichts mehr aufnehmen konnte. Zwei Schmerztabletten halfen da auch nicht mehr. Ich fühlte mich so schlecht wie schon lang nicht mehr in meinem Leben. Warum tue ich mir das an? dachte ich, und überlegte allen Ernstes alle meine Sachen wieder einzupacken und mich in den Süden Europas abzusetzen. Das wäre nicht zum ersten Mal in meinem Leben. Doch wußte ich, daß ich dies sehr bereuen würde. Meine süße, kleine Tochter dann nicht mehr sehen können und die mir so lieb gewordenen und nahestehenden Freunde.

Vor der OP 3: Das Essen

Der Pfleger brachte mir noch ein kleines Fläschchen Abführflüssigkeit. Ich sollte das Zeug mit einem Schluck trinken. Es war nicht ganz so eklig, aber es dauerte nicht lang dann kam fast alles wieder oben raus. Später bekam ich noch ein Zäpfchen gegen die Schmerzen, aber dieser Vorabend war die Hölle.

Um sechs sollte ich am nächsten Morgen geweckt werden (ich hatte vergessen einen Wecker mitzunehmen und mein Handy traute ich mich am Anfang noch nicht zu benutzten). Genug Zeit, um noch zu duschen und mich in aller Ruhe auf die OP um acht vorzubereiten. Um sieben weckte mich dann die Schwester und alles mußte zack zack gehen. Ich hatte mich zwar am Abend vorher noch meiner restlichen Schambehaarung entledigt, doch der Schwester war das noch nicht gründlich genug. Dann schnell duschen, OP-Wäsche anziehen und schon gings los auf meine Reise.

Die OP und das Aufwachen

Im OP-Vorraum fragte ich die Anästhesisten dann noch etwas hilflos, ob ich denn den operierenden Arzt vorher sehen würde? Das fanden sie wohl eher belustigend und meinten, ER würde mich schon sehen. Wenig später schlief ich ein und wachte ein paar Stunden wieder auf.

Starke Schmerzen hatte ich schon und verlangte ein paarmal ein Schmerzmittel, aber erstaunlich schnell fühlte ich mich wieder fit und kam auf mein Zimmer. Dort, das wurde mir schon vorher angekündigt, erwartete mich eine "Leidensgenossin", die morgen operiert werden sollte und einige Jahre älter als ich war. 64! Ja, für die OP gibt es keine Altersbegrenzung und scheinbar scheint man die OP im "reifen" Alter auch besser zu vertragen. Zumindest schaute sie mich immer mit großen, fragenden Augen an, warum ich mich so anstelle. Die zwei Liter Abführflüssigkeit trank sie so, als ob es sich um sächsischen Wein handelte( von dort kam sie her) Ich nenne sie mal: Gertrud.

Ab und zu faßte ich meinen Verband an, aber viel fühlen konnte ich da nicht. Der Arzt hätte mir auch einen zweiten Penis angenähte haben können. Ich wußte nix. Niemand zu sehen, der mir hätte Auskunft geben könnte, wie es gelaufen war. Gegen Abend war dann mein Verband schon ziemlich blutig und ich mußte zum ersten Mal nachgenäht werden. Insgesamt dreimal, davon einmal in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit einer jungen Ärztin und meiner Lieblingsschwester. Witzig war es schon gemeinsam nach dem Lichtschalter im OP-Raum auszuspähen und den beiden bei der Suche nach Nadel und Faden zuzusehen, die dann in der Nacht einen Oberarzt aus dem Schlaf werfen, um fündig zu werden. So bekam ich einen kleinen medizinischen Grundkurs, aber richtig professionell und beruhigend hat das alles nicht auf mich gewirkt.

Nach der OP: Hoffnung

Öfters ist in dieser Zeit der Platzhalter (ein aufblasbarer Dildo, der in der Vagina steckt) rausgerutscht und das wieder reindrücken, war wahnsinnig schmerzhaft. Ich begann den Gynäkologenstuhl, auf den ich fast jeden Tag mußte zu fürchten. Doch auch das sollte noch schlimmer kommen.

Zwei Tage nach der OP sah ich dann endlich Professor Sohn bei der Chefvisite. Mein erste Frage war natürlich, ob alles gut gegangen war bei der OP und dann hatte ich noch drei kleine, kurze Fragen, die ich ihm stellen wollte. Er meinte gleich, daß er das bei der Visite grundsätzlich nicht mache. Wann denn dann, wollte ich wissen? Und mißmutig beantworte er abwiegelnd meine Fragen, die ich kaum stellen konnte. So hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt hat. Patienten scheinen für solche Ärzte nur nervig zu sein???

Am Wochenende wurde dann abgeführt und ich mußte auf diese widerliche Bettpfanne. Danach bekomme ich den Hintern mit zwei oberflächlichen Wischen "sauber" gemacht. Auf meine Bitte, es doch ein bißchen gründlicher zu machen (selber konnte ich das leider nicht), meinte die Schwester nur, das sei schon in Ordnung. Ich fühlte mich so richtig eklig und widerlich. Am nächsten Morgen versuchte ich unter größten Anstrengungen, das bei der morgendlichen Wäsche so gründlich wie möglich nachzuholen. Ich hatte meinen Appetit völlig verloren und konnte vor Übelkeit noch nicht einmal was trinken. So kam ich wieder an den Tropf und später hielt ich mich mit Gemüsebrühe am Leben.

Am Montag kamen dann unter Schmerzen die Drainagen und der Platzhalter raus und ich durfte wieder aufstehen. Also gleich ins Stationsbad, Haare und den ganzen Körper gründlich waschen. Noch nie in meinem Leben war das so anstrengend und ich mußte mich ein paarmal hinsetzen und einmal auch hinlegen. Danach war ich völlig k.o. aber auch voller Wohlgefühl.

Jetzt ging es los mit dem "Bougieren"(nichts andres als den Platzhalter wieder einzuführen und drinnen festzuhalten) und zwar sollte ich das fünfmal täglich für 40 Minuten machen, dazu Kamillen-Sitzbäder à 10 Minuten.

Das war äußerst schmerzhaft und auch die Sitzbäder waren wegen der unangehmen Position kaum auszuhalten.

Aber ich wußte ja, daß ich da durch mußte und dachte mir, mit jeden Tag kann es ja nur besser werden. Doch da irrte ich mich sehr!

Enttäuschung

Am nächsten Tag tat es noch mehr weh und am Mittwoch bekam ich den Dildo gar nicht mehr rein. Die Schwester, die ich um Hilfe rief, ertastete eine Schwellung innerhalb der Vagina und stopfte den Dildo einfach mit Gewalt dahin hinein. Ich schrie und weinte vor Schmerzen und wieder hörte ich sowas wie, da müssen sie durch. Nach einer viertel Stunde ließen die Schmerzen etwas nach und ich dachte, daß diese OP wirklich etwas wie eine Neugeburt ist. Aber nicht so, wie ich ursprünglich dachte, daß ich neugeboren werde, sondern wohl eher, daß ich selber gebäre und so wie in natura, unter extremen Schmerzen. Aber ich war gewillt da durchzugehen.

Dann kam die Hiobsbotschaft. Ein Arzt erklärte, daß wir verlegt werden sollen. Das Krankenhaus müsse zwei Männer aufnehmen und es gäbe nur noch drei freie Frauenplätze. Also müßten wir in ein Fünf-Bett-Zimmer. Das könne ja auch ein "Gaudi" werden, meinte er und das nahm ich ihm am meisten übel. Ich kann ja verstehen, daß die Pfleger und Ärzte einfach überarbetet sind, weil es überall an Personal fehlt und die Krankenhäuser völlig überlaufen sind, aber daß man dort versucht noch im Gang Geld für einen Krankenplatz rauszuholen, finde ich doch menschenverachtend.

Ich kam mit einer geistig verwirrten Frau zusammen, die die ganze Zeit redete, und mit meiner Gertrud und noch einer älteren Frau. Die drei schienen sich ganz gut zu verstehen. Ich setzte nur noch meinen Kopfhörer auf und drehte die Musik auf vollste Lautstärke, um nicht "vollgeplappert" zu werden. Ins winzige Bad war es unmöglich noch irgendwas reinzustellen und die Schränke waren fast so groß wie Schließfächer im Schwimmbad zur Umkleide.

Ich wurde zum Fädenziehen gerufen. Schon der Umzug hatte mich ziemlich geschwächt und unten angekommen, sollte ich mich in ein volles Wartezimmer setzen. Sitzen kann und darf ich aber nicht. Zuerst stellte ich mich hin. Wie ich jedoch merkte, daß ich langsam den Boden unter den Füßen verlor, ging ich einfach in den leeren Behandlungsraum und legte mich auf den gynäkologischen Stuhl. Ach, Sie sind ja schon da, wurde ich einige Zeit später begrüßt.

Die Ärztin zog die Fäden und schaute sich mein Innerstes an. Ich stöhne wieder vor Schmerzen und sie gab mir einen festen Dildo zum Bougieren. Sie stopfte ihn einfach rein und zeigte mir, wie tief er sitzen soll. Ich weinte vor Schmerzen und sie meinte, ich solle mich entspannen. Tja, und dann wieder: da müssen sie durch...

Unzumutbar und entwürdigend

Und jetzt? Sollte ich in meinem Fünf-Bett-Zimmer vor den drei Frauen und dem Besuch, der immer wieder zur Tür reinplatze, meine Beine spreizen und einen Dildo für vierzig Minuten einführen, dann ins Bad wanken, mich abduschen und ein Sitzbad nehmen und das fünfmal am Tag? Gertrud machte das, aber ich fand dies unzumutbar und entwürdigend. Also besorgte ich mir einen Servierwagen, packte alle benötigten Sachen darauf und fuhr ins Stationbad, schloß mich da ein und konnte sogar meinen mp3-player plus Boxen dort anschließen. Allerdings gab es nur eine unbequeme Liege. Aber ich nutze diese zum Bougieren. Ab und zu klopfte jemand an die Tür, der die Toilette benutzen wollte und manchmal wollten die Schwestern rein, um eine OP vorzubereiten oder etwas rauszuholen. Die Luft war ziemlich stickig, eben feucht und direkt davor eine höllisch laute Baustelle. Aber ich bougierte weiter und das trotz immer stärker werdender Schmerzen. Da müssen Sie durch, hörte ich am nächsten Tag wieder auf dem Behandlungsstuhl, wie ich meine Tränen abtrocknete. Ist es denn wirklich so schlimm? meinte in meinen Ohren etwas süffisant klingend Herr Professor Sohn. Wie bougieren Sie denn dann? wollte er noch wissen. Unter Schmerzen, erklärte ich. Tja, hörte ich noch und dann war er wieder verschwunden. Überhaupt sollte man die Ärzte schon kurz vor ihrem Erscheinen etwas fragen, damit der Schall sie noch erreicht, wenn sie schon wieder weiterhetzen.

So witzig ist das ganz eigentlich gar nicht.

Um mein "Bougier-Level" zu erfüllen, mußte ich auch spät nachts noch bougieren. Als mich die Nachtschwester um halb drei noch auf dem Gang mit meinen Servierwagen antraf, guckte sie mich an wie ein Gespenst und erklärte mir wieviel Uhr es sei. Nun ja, das wußte ich auch und auch das ich wieder früh aufstehen mußte, um weiterzumachen.

Donnerstag nacht kam dann der Zusammenbruch. Wie gesagt, die Schmerzen wurden immer schlimmer und ich bougierte immer verzweifelter. Nach einer viertel Stunde merkte ich dann, daß ich an meiner Grenze angelangt war. Ich stöhnte und weinte nur noch verweifelt. Ich versuchte mich von dem Dildo zu befreien, indem ich die Luft aus ihm ließ. Schwester Alice hatte mich aber schon gehört und klopfte an die Tür, ob alles in Ordnung sei. Ich meinte, daß ich gleich aufmache, konnte mich aber noch nicht richtig befreien. Ihre Kollegin hatte einen Inbusschlüssel für die Badtür und schloß auf. Ich brach lauthals in Tränen aus und alles was sich diese Tage angestaut hatte, kam aus mir raus. Alice hielt meine Hand und hörte zu. Später kam noch ein Arzt dazu. Er meinte zwar, daß ich durch die Hormonabsetzung sicher ein psychisches Defizit hätte und bot mir ein Beruhigungsmittel an, doch konnte er mein Argument mit dem für mich unerträglichen Fünf-Bett-Zimmer verstehen und meinte, daß ich am nächsten Tag unbedingt mit der Direktion sprechen sollte und auch mit Professor Sohn. Ich fand das richtig und er sagte, daß er ihm ausrichten werde, daß ich persönlich mit ihm sprechen will.

Schwester Alice gab mir auch den erlösenden Tipp, vor dem Bougieren ein Schmerzmittel und ein Gleitmittel, das etwas örtlich betäubt, zu nehmen. In der Nacht gelang mir dann auch so das Bougieren.

Dennoch war ich fest entschlossen alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dieser "Hölle" zu entkommen.

Versuch, der Hölle zu entkommen

Am Morgen rief ich in Krefeld im Krankenhaus Mariahilf (ein guter Name, dachte ich :-)  erklärte meine Situation und bat um eine sofortige Aufnahme, sozusagen als Notfall. Die Sekretärin war ziemlich überrascht und wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie meinte, daß wahrscheinlich eh kein Bett frei wäre und wollte erstmal mit Frau Dr. Krege sprechen und mich dann zurückrufen. Auf meine Frage, was wäre, wenn ich einfach vor der Tür stünde, meinte sie bloß, daß sie mich dann abweisen würden.

Ich probierte es darauf bei Dr. van Ahlen in Osnabrück. Auch hier wußte die Sekretärin nicht weiter und verband mich mit ihm persönlich. Er erklärte mir, daß bei ihm die Betten bereits auf dem Gang stünden. Außerdem meinte er, daß ich auf keinen Fall mit dem Zug zu ihm fahren solle, dadurch würde alles noch schlimmer werden. Ich solle auf jeden Fall mit Professor Sohn sprechen. Er würde ihn als einen vernünftigen und freundlichen Menschen einschätzen. Ja, so habe ich ihn auch beim ersten Gespräch kennengelernt.

Als ich auf mein Zimmer zurückkehrte fand ich dann meine Medikamente mit "Herr S." beschriftet. Kann ja mal vorkommen, aber in der Situation war es irgendwie die Krönung. So brachte ich die Tabletten zu den Schwestern zurück und ließ mir später andre geben.

Am Mittag ging ich dann zum Sozialdienst im Krankenhaus, um dort nachzufragen, was ich machen könne. Die Frau hatte schon ihren Urlaubszettel an die Tür geklebt und war eigentlich am Gehen. Sie zeigte wenig Verständnis für meine Situation, meinte, wie stolz sie wäre dem großartigen Team von Professor Sohn anzugehören und riet mir, mich bei der Direktion zu beschweren. Sie gab mir zwei Telefonnummern und erklärte, daß sie jetzt alle schon bei der Weihnachtsfeier wären.

Am Nachmitag war dann Chefvisite. Ich frage den Professor, ob er ausgerichtet bekommen habe, daß ich mit ihm persönlich sprechen möchte und er meinte, daß ich jetzt gleich zur Untersuchung käme und dies die beste Gelegenheit dazu sei.

Kurz darauf wurde ich zur Untersuchung gerufen und sollte mich dort wie immer nackt in den Behandlungsstuhl setzen. Ich weigerte mich und erklärte, daß ich erstmal mit Dr. Sohn persönlich sprechen möchte. Das sorgte schon für etwas Aufregung bei den dortigen Pflegern und Ärzten. Warum ich ihnen das Leben schwer machen möchte, wurde ich gefragt. Ich entschuldigte, daß es auf ihren Rücken ausgetragen werden würde, aber ich mich dennoch erst untersuchen lasse, wenn ich mit ihm persönlich gesprochen habe. Auf dem Stuhl bin ich ihm ausgeliefert.

Ein bißchen später kam er, sichtlich genervt und mich fragend, was das Theater solle. Er wolle mich untersuchen, hätte eigentlich schon Feierabend und sei noch in einer OP. Ich bat ihn, sich ein paar Minuten Zeit für mich zu nehmen. Er sagte irgendwas ironisches und war mit einem Bein schon wieder draußen.

Ich erklärte ihm, wie enttäuscht ich war, ihn vor der OP nicht mehr habe sehen zu können und meine Fragen nicht beantwortet zu bekommen. Er meinte, dafür gebe es das Erstgespräch, das ich bereits ein Dreivierteljahr vor der OP hatte und anders wäre dies nicht möglich. Dann sprach ich über meine Schmerzen bei den Untersuchungen. Daß ich mich nicht ernst genommen fühle und es doch möglich wäre, vor der Untersuchung ein Schmerzmittel zu geben. Auch diesen Punkt ließ er nicht gelten. Dies sei organisatorisch nicht möglich. Dann sagte ich, daß es eine Zumutung wäre, in einem Fünf-Bett-Zimmer zu bougieren und dies sah er ein. Er meinte, daß ihm das auch gar nicht gefiele und fragte die umstehenden Ärzte, ob nicht ein Zimmer frei wäre. Einer meinte was von einer Station, wo eines frei wäre und Professor Sohn versprach mir, daß ich verlegt werden würde. Dann gab er mir die Hand und fragte mich, ob wir uns wieder versöhnen. Er würde mich jetzt gern untersuchen. Ich schlug ein und bat ihn, vorsichtig zu sein. Das war er auch. Was er sah, gefiel ihm leider nicht sonderlich. Alles hatte sich bei mir entzündet. Scheinbar kämpfte mein Körper noch darum, ob er die neue Form annehmen möchte. Leider konnte ich da nicht mitreden.

Ich frage Dr. Sohn, ob ich zum Bougieren ein Schmerzmittel nehmen könne und er willigte ein, wenn es nicht anders ginge. Eine Ärztin, die mich breits besonders gequält hatte, fand dies aber nicht gut. Sie meinte, dann würde ich mich an die Schmerzmittel gewöhnen. Manchmal wünschte ich mir, die Ärzte würden am eigenen Leib erfahren, was sie da empfehlen oder auch machen. Dennoch bin ich äußerst froh und dankbar, daß es Ärzte gibt.

Froher Dinge und guten Mutes ging ich hoch auf meine Station, packte meine Sachen und war gespannt, wohin ich kommen würde. Eines wußte ich und daß war mir das wichtigste, ich würde allein liegen.

Privatstation

Es kam aber noch viel besser. Ich kam auf die Privatstation in ein großes, schönes Zweibettzimmer, mit einem großen und schönen Bad. Alles war sauber, neu und in angenehmen Farben. Dazu ein DVD-Player, Fernseher und das wichtigste, viel Platz und ich hatte meine Ruhe, alle Zeit der Welt, um mit dem Bougieren und den Sitzbädern nachzukommen. In diesem Zimmer gelang es mir gut. Zwar überraschte mich am Anfang. daß zwei, dreimal irgendwelche Besucher in meinem Zimmer standen, die ganz woanders hin wollten. Aber ein Zettel, den mir eine liebe Schwester schrieb, auf dem stand "bitte nicht eintreten!" und den ich immer von außen an meine Tür hängte, wenn ich am Bougieren war, bewahrte mich vor solchen ungebetenen Besuchern.

Später las ich dann in meiner Akte: Patientin will oft ungestört sein und hängt ein Schild an ihre Tür. Im Krankenhaus scheint der Sinn fürs Schamgefühl und die würdige Behandlung eines Menschen doch oft auf Unverständnis zu stoßen?

Meine Schmerzen wurden allerdings immer heftiger. Ich brauchte immer mehr Schmerzmittel. Der Professor glaubte nochmal operieren zu müssen. Doch dann sah es nach zwei Tagen wieder besser aus. Die Schmerzen wurden weniger und ich konnte mich wieder besser bewegen. Auch machte ich zum ersten Mal ein bißchen Pipi und das empfand ich wirklich ganz witzig, daß ich kichern mußte. Ich hatte es geschafft, einen Moment nicht daran zu denken und dann ging es. Wenn ich mich anstrengte, hatte ich nur heftige Schmerzen. Noch hatte ich ja in der Blase einen Schlauch, mit dem ich von Zeit zu Zeit das Wasser lassen konnte.

Bei den Untersuchungen wurde ich plötzlich mit Samthandschuhen angefasst und ich schon vorher gewarnt, bevor es überhaupt weh tat. So freundlich kann es auch hier zugehen!

Doch auch so: Um elf Uhr wurde ich zu meinem Arzt zur Kontrolluntersuchung gerufen. Freundlicherweise fiel ihm noch ein - wie ich schon auf dem Weg zu ihm war -, einen andren Patienten vorzuschieben. Die Krankenschwester sagte mir, es könne nun ein bißchen dauern. Ich hatte die Wahl zwischen Stehen oder auf dem Gynäkologenstuhl zu liegen. Dann doch lieber stehen und warten und warten und warten. Um viertel vor Zwölf erklärte ich der Schwester, die sich schon tausendmal entschuldigt hatte und auch wirklich nichts dafür konnte, daß ich um zwölf ginge. Das Stehen war noch sehr anstrengend für mich. Um drei vor Zwölf kam mein Professor, ohne sich zu entschuldigen, guckte sich meinen Unterleib eine Minute lang an, meinte, weiter so und war wieder verschwunden. Wahrscheinlich würde er seinen Hund noch besser behandeln?

Da ich endlich richtig pinkeln konnte, bat ich am nächsten Tag, den Schlauch aus meiner Blase zu ziehen. Und siehe da, die Schmerzen waren fast völlig weg. Auf meine Frage meinte der Arzt, daß es durch den Fremdkörper in der Blase durchaus zu Schmerzen kommen kann, bis in die Harnröhre hinein. Scheinbar lag mein Problem vielmehr hier als in der Entzündung?

Dann kam Weihnachten. Die Entlassung ging flott vorm heiligen Abend.

Ob ich nochmal nach Frankfurt ginge zur OP?

Wahrscheinlich eher nicht, aber ob es in einer andren Klinik besser ist, kann ich nicht sagen? Und am Ende zählt auch das OP-Ergebnis. Dazu kann ich noch nicht viel sagen. Bisher bin ich aber ziemlich zufrieden :-)


Liebe Grüße von Marie



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